Luca Stirnkorb

“Viele waren neugierig auf mein Leben, auf die Gebärdensprache, auf die Taubenkultur. Es kam zu spannenden Gesprächen und richtig schönen Begegnungen. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Ich bin nicht nur dabei – ich gehöre dazu.”
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Inklusion erleben - Meine Perspektive als tauber Teilnehmer beim Vorbereitungsseminar in Bad-Bevensen

Hallo, ich bin Luca, 24 Jahre alt und seit meiner Geburt taub. Ich verwende Deutsche Gebärdensprache (DGS) – sie ist meine Muttersprache. Bald beginnt für mich ein neues Kapitel: Ein Austauschjahr in den USA. Mein Ziel ist es, dort die taube Community kennenzulernen, ihre Kultur, Sprache und Perspektiven zu erleben. Zur Vorbereitung auf diesen Einsatz habe ich Anfang Mai 2025 an einem einwöchigen Vorbereitungsseminar in Bad Bevensen teilgenommen – und das als erster tauber Teilnehmer.

Ich war gespannt, aber auch ehrlich gesagt sehr neugierig.

Ein Start voller Sorgen

Das Seminar fand vom 2. bis 8. Mai 2025 statt. Schon vor der Anreise hatte ich viele Sorgen: Wie würde es sein, als einzige taube Person unter so vielen Hörenden? Würde ich mich einsam fühlen? Könnte ich überhaupt Anschluss finden? Die meisten Hörenden können keine Gebärdensprache – unsere Kommunikationswelten sind verschieden.

Ich hatte das Gefühl, ich würde die Tage irgendwie „überstehen“ müssen. Mein Wunsch war: Lass es bitte schnell vorbeigehen.

Luca (links) kommuniziert mithilfe der Dolmetscherinnen (rechts) während der Gruppenarbeit

Barrierefreiheit: Gebärdensprachdolmetscherinnen dabei

Während der gesamten Woche waren zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen dabei – von morgens 9 Uhr bis abends 21 Uhr, oft sogar noch länger. Sie ermöglichen Kommunikation in beide Richtungen – zwischen mir und der Seminarleitung, zwischen mir und der Gruppe. Sie waren nicht nur eine Unterstützung für uns alle, sondern auch eine Brücke für uns alle, um echte Begegnung und Austausch möglich zu machen.

Aber: Nur Dolmetscherinnen reichen nicht, wenn die Umgebung nicht offen ist. Was ich dann erlebte, hat mich wirklich überrascht.

Inklusion – wie sie wirklich aussehen kann

Trotz meiner Ängste wurde ich nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Die hörenden Teilnehmenden haben sich sehr bemüht, mit mir zu kommunizieren. Sie haben mich aktiv mit einbezogen, sich neben mich gesetzt, mir über ihr Handy geschrieben oder Inhalte per Notiz-App erklärt – oft ganz spontan, ohne dass ich überhaupt darum gebeten habe.

Die VBS-Gruppe beim abendlichen Werwolfspiel. Luca (vorne) wird per Handy auf dem Laufenden gehalten.

Besonders beim Essen, wo Gespräche oft schnell und durcheinander laufen, haben immer wieder einzelne Personen für mich mitgeschrieben, worum es gerade geht. Ich fühlte mich gesehen, respektiert – und einfach als Teil der Gruppe.

Viele waren neugierig auf mein Leben, auf die Gebärdensprache, auf die Taubenkultur. Es kam zu spannenden Gesprächen und richtig schönen Begegnungen.

Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Ich bin nicht nur dabei – ich gehöre dazu.

Ein Wunsch für die Zukunft

Inklusion ist oft einfacher, als man denkt. Jeder hat ein Handy, jeder kann schreiben – und mit ein bisschen Offenheit ist echte Kommunikation möglich. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Mut haben, mit tauben Menschen in Kontakt zu treten. Man muss nicht perfekt gebärden können – das Wichtigste ist der Wille, Brücken zu bauen.

Mein Fazit

Das Vorbereitungsseminar war eine intensive, schöne und überraschend inklusive Erfahrung für mich. Ich habe viel gelernt – nicht nur über meinen bevorstehenden Auslandeinsatz, sondern auch über mich selbst und über das, was möglich ist, wenn Menschen sich aufeinander einlassen.

Einige Teilnehmende haben sogar angefangen, erste Gebärden zu lernen – manche konnten mich am Ende sogar ein bisschen verstehen, ganz ohne Dolmetscher. Das war für mich ein riesiger WOW-Moment.

Jetzt freue ich mich noch mehr auf mein Austauschjahr in den USA – mit all den Erfahrungen, die ich aus Bad Bevensen mitnehme. Inklusion ist keine Theorie – man kann sie leben. Und ich habe erlebt, wie schön das sein kann.

VBS Bad Bevensen des 42. PPP: links die Gebärde für “USA” und rechts die Gebärde für “Deutschland”